Liebe interessierte Rot-Weisse,

Wochenende für Wochenende kommt es nicht nur in Deutschland zu Auseinandersetzungen zwischen Fussballfans und Polizeieinheiten. Der Ablauf der Ereignisse scheint dabei mittlerweile einem festen Plan zu folgen:

Erstmal wird in den Zeitungen (also wahlweise im örtlichen Käseblatt oder im lokalen Ableger der Springerpresse) über die Vorfälle berichtet, meistens mit grob übertriebenen Zahlen von vermeintlich an den Ausschreitungen beteiligten, gewaltbereiten „Hooligans“, „Problemfans“, „Ultras“ usw, deren einziger Lebensinhalt laut den Presseberichten die permanente Suche nach Gewaltexzessen ist. In der Folge rechtfertigen sich die VertreterInnen staatlichen Repressionsorgane wie EinsatzleiterInnen und PolizeipräsidentenInnen für den Fall, das jemand die Unverhältnismäßigkeit der Einsätze in Frage stellt, wie es etwa jetzt gerade in Anbetracht von 250 (!) vorläufigen Festnahmen im Rahmen des Spiels Bremen-Frankfurt geschehen ist. Da die juristischen Mühlen in einem demokratischen Rechtsstaat (ja, so nennt sich die Bundesrepublik Deutschland) bekanntermaßen äußerst langsam mahlen, kommt es – wenn überhaupt – erst einige Monate oder gar Jahre später zu Gerichtsverhandlungen, in denen vielleicht mal ein Bulle eine Disziplinarstrafe über sich ergehen lassen muss. In den allermeisten Fällen liegen die Geschehnisse aber erstens so weit zurück, dass sich ausser ein paar direkt Betroffenen kaum noch jemand dafür interessiert und selbst wenn: Dass selbst bei erdrückenden Gegenbeweisen noch so manche/r PolizistIn glimpflich aus derartigen Prozessen rausgekommen ist, weil mal schnell ein paar KollegenInnen für ihn/sie ausgesagt haben, ist genauso wenig eine Neuigkeit. Alles verläuft im Sande, die Cops machen beim nächsten Spiel wieder die gleiche Scheisse, weil sie ja eh nix zu befürchten haben und so weiter. Irgendwie fühlt man sich an ein Lied der Hamburger Band Tocotronic erinnert: Jetzt geht wieder alles von vorne los..

Und dann gibts da noch die Reaktionen der Fans: Spruchbänder, Demos, Flyeraktionen (ja, genau, das hier ist ja im Grunde auch eine!). Alles nicht schlecht, doch leider hapert es in unseren Augen den meisten Protestformen an der nötigen inhaltlichen Konsequenz, weshalb wir euch im Folgenden unsere Sicht der Dinge näher bringen wollen. Neben einigen theoretischen Einschätzungen unsererseits wollen wir auch praktische Tipps im Umgang mit der Bullen, Zivis und Ordnern geben. Für beide Teile gilt dabei natürlich: Wir erheben weder den Anspruch, die einzige und echte Wahrheit zu predigen noch meinen wir, dass sich an unsere Vorschläge jemand zu halten hat. Wir denken allerdings, dass man zumindest so fair sein sollte, sich unsere Argumente durchzulesen – denn wenigstens haben wir etwas zu sagen und da wir mehr ausdrücken wollen als ein paar stumpfe Parolen ohne tieferen Sinn, ist dieser Text auch etwas länger geraten.

- 1 – Why cops cant be your friends

Die Polizei hat in einem Staat immer eine Aufgabe: Sie stellt – meistens im Verbund mit der Armee, mit der wir allerdings beim Fussball (noch?) nichts zu tun haben – die öffentliche Ordnung und Sicherheit her. Dafür wird PolizistInnen das so genannte Gewaltmonopol übertragen: Sie sind die Einzigen (wenn wir einmal von Ausnahmefällen absehen), die juristisch dazu befugt sind, Gewalt gegenüber anderen Menschen einzusetzen. Wer also beim Graffiti malen, Aufkleber verkleben, beim Konsumieren von illegalen Drogen, beim Abbrennen von pyrotechnischen Gegenständen, beim nicht ordnungsgemäßen Aufhängen einer Zaunfahne, beim Wedeln eines Schwenkers, der die erlaubte Größe überschreitet oder bei allen möglichen anderen Sachen, die mitunter eben ganz schön Spass machen können, von den Bullen gepackt wird, der sollte vielleicht nicht „Willkür!“ schreien, sondern endlich verstehen, was die Polizei sein muss, sein soll und dementsprechend auch ist: Ein Repressionsorgan des Staates.

Da wir (wie alle vernünftigen Menschen, so denken wir zumindest) lieber in einer Welt leben würden, in der das gesellschaftliche Zusammenleben nicht durch Zwang, Gewalt und Herrschaft von Menschen über andere Menschen gekennzeichnet ist, kommen wir schon alleine durch diesen Anspruch zu einer fundamentalen Kritik des Polizeiberufs. Hinzu kommt für uns noch eine moralische Seite: Wer es mit seinem Gewissen verantworten kann, Asylsuchende abzuschieben, gegen Drogenabhängige vorzugehen oder eben auch Fussballfans zu verprügeln, weil sie vielleicht mal ein Bengal gezündet haben, der ist uns so unsympathisch, dass wir mit ihm nix zu tun haben wollen. Dieses Verhältnis von Fans und Cops zueinander muss endlich auch so verstanden werden: Hier kann und darf es keine Kompromisse geben, weil die Polizei keine Kompromisse machen kann und wir sinnvollerweise dementsprechend auch nicht danach suchen sollten. Dass es so ganz ohne Polizei von heute auf morgen wohl auch nicht einfach so gehen würde, ist uns natürlich auch klar, aber was wir mit guten Gründen kritisieren können, das ist die Verhältnismäßigkeit: Wenn einzelne Polizeieinheiten, die bei Fussballspielen eingesetzt werden (als Beispiele etwa die BFE-Einheiten, das bayrische USK oder die Berliner EGH), über mehrere Kampfsportausbildungen und eine umfangreiche Bewaffnung verfügen, um mit eben dieser dann 18jährigen Jugendlichen den Kopf einzuschlagen, weil sie ihre Zaunfahne an den „falschen“ Platz gehängt haben oder Ähnliches, dann stellen hoffentlich nicht nur wir uns die Frage, wohin eine solche Entwicklung noch führen wird..

Praktische Schlüsse aus derartigen Einsichten zu ziehen, kann manchmal ganz schön schwer sein. Wir können die Polizei nicht abschaffen und wir stellen uns unseren Alltag auch im Fussballstadion nicht als beständigen Kampf mit den Cops vor. Aber wir können sie so gut es missachten, ihnen keine Aufmerksamkeit egal welcher Art schenken, nicht mit ihnen reden, kurz: den Kontakt mit ihnen meiden. Das ist sicherlich nicht die beste Problemlösung, aber eine der sinnvollsten von all denen, die irgendwie auch umsetzbar sind.

- 2 – How to react

Manchmal lässt sich eine wie auch immer geartete Konfrontation mit den Bullen leider nicht verhindern. Wir wollen euch ein paar Tipps mit auf den Weg geben, wie sich solche Situationen halbwegs glimpflich lösen lassen. Zunächst mal gilt, wie bereits gesagt: Wer gar nicht erst auf Kommunikation mit der anderen Seite aus ist, kann sich schonmal eine Menge Ärger ersparen. Es gibt in den Hundertschaften immer wieder Heißsporne, die sich vor ihrem Chef oder den anderen KollegInnen profilieren wollen, in dem sie besonders hart durchgreifen, persönlich für eine Festnahme verantwortlich sind etc. Derartigen Gestalten sollte man am Besten gar keine Steilvorlagen für ihr übermotiviertes Einschreiten liefern, in dem man sie mit irgendwelchen „lustigen Sprüchen“ provoziert oder sonstiges. Dazu gehören unserer Meinung nach übrigens auch kurze Gespräche mit scheinbar „netten“ Vertretern der Cops oder dümmliche Flirtversuche mit weiblichen Beamtinnen – andersrum haben wir so ein Verhalten noch nicht mitgekriegt – leider alles Dinge, die man auf Auswärtsfahrten immer wieder erleben muss. Die Polizei ist als das, was sie verkörpert, unser Gegner – da ist es egal, ob einzelne Vertreter dieser Maschinerie privat korrekte Menschen sind (was wir übrigens nicht so recht glauben können, aber das spielt hier keine Rolle..).

- 3 – They busted me!

Ja, auch das kann passieren: Du wirst bei einem Spiel verhaftet, aus welchen Gründen auch immer. In dieser Situation gilt es nun einen kühlen Kopf zu bewahren. Solltest du nämlich nicht gerade übermenschliche Kräfte besitzen, dürfte dir ein selbstbestimmtes Entkommen ziemlich schwer fallen. Oder auch anders formuliert: Leiste jetzt lieber keinen Widerstand mehr, denn mit Kabelbindern um die Hände und mehreren PolizeibeamtInnen um dich herum macht es sowieso keinen Sinn mehr, den Superhelden spielen zu wollen. Dasselbe gilt übrigens für deine FreundInnen: Schätzt die Situation gut ein, wenn jemand festgenommen wird. Ist es realistisch, ihn/sie dort irgendwie wieder rauszukriegen? Wenn nicht: Es bringt niemandem etwas, wenn ein paar Leute wild durch die Gegend schreien, rumgestikulieren und am Ende dann noch jemand festgenommen wird. Denkt immer an Folgendes: Eine Festnahme ist zwar nichts Schönes und wenn sie verhindert werden kann, ist das eine gute Sache. Aber sie ist eben auch kein Weltuntergang, wenn man sich halbwegs vernünftig verhält:

Kooperiert mit den Bullen genau soviel, wie ihr müsst. Das heisst genauer: Wenn sie euch nach euren persönlichen Daten fragen, müsst ihr nur das angeben, was auf eurem Personalausweis steht. Diese Daten müsst ihr allerdings angeben! Wenn darüber hinaus noch Fragen kommen (da kann alles dabei sein: Von Telefonnummern der Eltern, der eigenen, Beruf, etc), müsst ihr darüber keine Auskunft geben und mal ehrlich: Warum solltet ihr das auch tun? Je nach Situation kommt es nun entweder direkt zur Aufnahme der Anzeige oder ihr werdet erstmal in eine Zelle verfrachtet. Wenn man euch nun zum vermeintlichen Tathergang (ganz egal, was oder ob ihr überhaupt etwas gemacht habt!) befragt, sagt ihr am Besten gar nichts. Die Cops sind erstens in dieser Situation – ihr seid der/die Verhaftete, die Bullen haben nix zu befürchten – wesentlich gelassener und außerdem noch darauf trainiert, euch Informationen zu entlocken. Verlangt nach einem Anwalt (den muss man euch geben), wenn ihr wollt, ansonsten sagt ihr zu den Vorwürfen einfach überhaupt nichts. Wer das halbwegs konsequent durchzieht, der wird von den Bullen meistens eh relativ schnell in Ruhe gelassen. Wie ihr im Folgenden, also falls es zu einer Gerichtsverhandlung kommen sollte oder Ähnlichem, mit der Sache umgeht, besprecht ihr mit eurem Anwalt. Der hat dann in den Fällen auch Akteneinsicht und kennt sich mit der Materie in den meisten Fällen besser aus als ihr selbst.

- 4 – I got mail!

Und dann gibt es da noch das meistens unangenehmste an einem Kontakt mit der Polizei: Das Nachspiel, meistens erst einige Wochen oder gar Monate später. Ihr habt eine Vorladung von der Polizei bekommen? Geht nicht hin – ihr müsst nichtmal absagen, wenn ihr keinen Bock drauf habt. Diese Vorladung ist nicht viel mehr als eine freundliche Einladung seitens der Cops, in der Hoffnung, ihr schaut mal kurz vorbei und erleichtert den Damen und Herren die Ermittlungsarbeit. Doch wofür? In den allermeisten Fällen wird euch ein Beamter/eine Beamtin gegenüber sitzen, der/die versucht, noch ein paar Infos aus euch rauszukitzeln. Helfen kann und vor allem will (!) euch die Polizei sicherlich nicht, also kooperiert auch nicht mit ihr. Die einzigen Vorladungen, zu denen ihr auch erscheinen müsst, kommen von der Staatsanwaltschaft, aber wenn es so weit ist, habt ihr vermutlich eh schon einen Anwalt eingeschaltet, der euch das Gleiche erzählen wird. Im Übrigen: Es soll nicht erst einmal vorgekommen sein dass regionale Staatsanwaltschaften derartig überarbeitet waren, dass manche Anzeige nicht weiterverfolgt wurde..

Was bleibt uns noch zu sagen? Nehmt euch das Blättchen mit, wenns euch gefällt, gebt es Freunden, die die Infos vielleicht auch gebrauchen können (allerdings kann man das Faltblatt auch runterladen, siehe unten), macht euch eure eigenen Gedanken und nehmt nicht alles so hin, wie es euch präsentiert wird – diese Welt ist veränderbar!

Banda Confusa + Chaos Boys Essen im Jahr 2008