Während ich diese Zeilen schreibe, befindet sich mein Verein in einer unglaublichen sportlichen Talfahrt, doch es ist beileibe nicht die erste, die ich als Anhänger des Clubs miterleben muss. Momentan ist es sogar mehr als fragwürdig, ob der Spielbetrieb in der Liga, in der wir uns vermutlich in der nächsten Saison wieder finden, weitergehen kann. Sollte dies nicht der Fall sein, geht der Verein unter Umständen im einhundertundersten Jahr seiner Existenz in die Liste der Fussballvereine ein, die mit einem Mal komplett von der Bildfläche verschwunden sind. Nichtsdestotrotz habe ich mich entschieden, den für diese Ausgabe zugesagten Artikel zum Thema „Warum mich der sportliche Erfolg meines Vereins (fast) gar nicht interessiert“ zu schreiben, denn auch unter solchen Umständen stehe ich weiterhin zu meiner Meinung.

Ich erinnere mich gut an das erste ausländische Stadion, dass ich in meinem Leben besuchte: Das Stadio Olimpico in Rom, sicherlich nicht die Krone der Architektur, trotzdem aber Sinnbild für erfolgreichen Fussball, zumindest zu der Zeit, als ich dort die Roma zum ersten Mal spielen sah. Für mich war eines klar: Es wäre ein Traum, einmal in diesem oder einem ähnlichen Stadion in der Gästekurve zu stehen und meinen Verein gegen ein europäisches Spitzenteam spielen zu sehen, meine Mannschaft nach vorne zu schreien und vielleicht sogar den Gewinn der Champions League zu feiern. Heute, etliche Jahre später und ein paar Besuche in europäischen und deutschen Stadien reicher, haben solche Träume für mich überhaupt keine Relevanz mehr, und das liegt nicht nur daran, dass auch nur ein Einzug in die erste Bundesliga für meinen Verein meilenweit entfernt liegt. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Man könnte sagen, ich habe die vielen Schattenseiten gesehen, die der sportliche Erfolg mit sich bringt und bin für mich persönlich zu der Entscheidung gelangt, dass der Preis für eben diesen in keinem Verhältnis zu den wenigen schönen Momenten steht, die mit ihm zusammenfallen.

Die meisten Menschen sind gerne Gewinner: Gerade, weil viele im realen Leben, im Beruf, an der Schule, in der Uni oder sonst wo nicht allzu viel Erfolg erleben, suchen immer mehr Deutsche ihr Heil darin, andere für ihre Erfolge zu bejubeln. Everyone is a fan – ob von Michael Schumacher oder einem Bundesligaclub macht für viele keinen großen Unterschied mehr. Spätestens seit Mitte der 90er Jahre, als deutsche Vereine wieder den Anschluss an den europäischen Spitzenfussball fanden, ist der Sport endgültig gesellschaftsfähig geworden. Wurde man in der Zeit davor oft schief angeschaut, wenn man zugab, zum Fussball zu gehen, hat sich die Situation grundlegend verändert: Mittlerweile findet man – außer den notorischen Fussballhassern, denen man wenigstens noch Ehrlichkeit attestieren kann – kaum noch jemanden, der nicht irgendeinem Verein „die Daumen drückt“. Diese Form der Anhängerschaft beschränkt sich meistens auf einen eiligen Blick auf die Bundesligatabelle oder vielleicht ein bisschen Sportschau am Samstag Abend, damit man am Montag vor Kollegen, Kommilitonen, Mitschülern oder am Kneipenstammtisch ein wenig mitreden kann, wenn die Gespräche sich um Fussball drehen. Dazu vielleicht noch eine Kaffeetasse vom Verein, zweimal die Woche den „kicker“ kaufen und sich über neue Transfers informieren und wenn’s klappt, geht man außerdem noch zu ein, zwei Spielen pro Saison – und schon gehört man zur Fanfamilie dazu.

Mit solchen Menschen habe ich allerdings überhaupt nichts gemein. Nicht etwa, weil ich der Meinung bin, dass ein „echter Fan“ einer sei, der mit seinem Verein andauernde Misserfolge erleben muss, um zu beweisen, dass es ihm ernst mit der Sache ist. Eine solche Blut-, Schweiß- und Tränenromantik überlasse ich gerne denjenigen, deren musikalischer Horizont bei den Böhsen Onkelz gleichzeitig anfängt und aufhört – das Leben ist kein ständiger Kampf und auch nicht durch permanente Rückschläge gekennzeichnet. Auch nicht deshalb, weil es so was wie eine magische Zahl an besuchten Spielen pro Saison gäbe, die man erreichen müsse, um sich als wahrer Fan zu qualifizieren. Der Unterschied zwischen oben erwähnten „Fans“ und mir ist ein viel schwerwiegenderer: Mir ist es egal geworden, wo mein Verein in der Tabelle steht, weil ich eingesehen habe, dass ich auf den Ausgang der Partie auf dem Rasen im Grunde genommen keinerlei Einfluss habe, und ich bevorzuge es, meine Emotionen in Dinge zu investieren, die ich aktiv verändern kann.

Zum Fussball zu gehen, ist für mich nicht mit einem Kinobesuch zu vergleichen: Ich gehe nicht dorthin, um mich berieseln zu lassen oder mir schöne Spielzüge anzuschauen (das wäre bei meinem Verein auch ein ziemlich bescheuerter Vorsatz, wenn ich mir die Realität auf dem Rasen anschaue..), sondern weil ich der Meinung bin, dass der Verein nichts anderes als die Summe seiner Fans ist. Klar, die Realität ist oft eine andere, wenn man ansehen muss, wie Fangruppierungen oder sogar ganze Kurven unter Repressionen, die zum Teil auch von Vereinsseite abgesegnet sind, zu leiden haben. Trotzdem sehe ich das Herz eines Vereins in der Kurve, in den Leuten, die einen guten Teil ihrer Freizeit damit verbringen, irgendwie etwas für ihren Verein zu tun. All die Menschen, die nachts die Wände ihrer Stadt mit Farbe besprühen, die tagsüber Fahnen und Aufkleber, Transparente und Choreographien malen, die neue Gesänge erfinden, die ihrem Verein quer durch die Republik hinterherfahren, die die körperliche Auseinandersetzung mit anderen suchen.. (auch wenn ich persönlich damit nichts anfangen kann) man könnte die Liste ewig fortführen. Erst diese Menschen füllen die Kurven mit Leben und machen sie zu der Erscheinung, die sie sind: Ein Spiegel der Realität, in der sich die Menschen bewegen, die zu ihrer Außendarstellung beitragen, in ihnen zeigt sich das Denken der Menschen, die ihr Herz ihrem Verein verschrieben haben. Man könnte sagen, dass neben dem Spiel auf dem Rasen noch ein zweiter Wettkampf entsteht, in dem sich die Kurven miteinander messen, und das ist der Wettbewerb, der mich interessiert. Hier habe ich Einfluss – wenn natürlich als Einzelner auch nicht übermäßig viel – auf den Lauf der Dinge, hier habe ich die Möglichkeit, für Aufmerksamkeit zu sorgen, mich und meine Mitmenschen in Szene zu setzen, mich den anderen zu präsentieren, ihnen zu zeigen: Schaut her, wir leben die Liebe zu unserem Verein auf diese oder jene Weise aus. Und wenn bei dem Spiel, wo je 11 Menschen gegeneinander antreten, der Gegner 4 zu 0 gewinnt, was macht das für einen Unterschied?

Nicht, dass man mich falsch versteht: Auch ich freue mich während der 90 Minuten über ein Tor meiner Mannschaft, über einen Sieg gegen einen Rivalen – aber was nützt mir dieser Sieg, wenn ich auf den Rängen eine deftige Niederlage einstecken musste, wenn also in dem Bereich, auf den ich tatsächlichen Einfluss hatte, der Gegner besser war? Aus meiner Sicht gibt es kaum etwas Lächerlicheres, als sich über den sportlichen Misserfolg eines Gegners lustig zu machen, weil diese Haltung offenbart, dass man sich zu einer passiven Masse zählt, die Geschehnisse bewertet und für wichtig befindet, auf die sie keinen Einfluss hat. Was gibt es Schlimmeres als die Menschen, die man am Montag nach dem Wochenende trifft und die meinen, einen mit Sticheleien über den Misserfolg des eigenen Teams irgendwie provozieren zu können? Mittlerweile kann ich mich über diese Menschen nicht einmal mehr aufregen, weil ich weiß, dass sie Fussball und das gesamte Drumherum auf eine ganz andere Art und Weise wahrnehmen, die sich so fundamental von meiner unterscheidet, dass ein Gespräch über die Thematik mit solchen Menschen wie ein Reden in zwei verschiedenen Sprachen ist.

Dass ich mich mit meiner Einstellung auf einem schmalen Grat bewege, ist mir selbst natürlich bewusst. Freunde, mit denen ich über die Thematik gesprochen habe, haben viele gute Argumente vorgebracht, warum das Geschehen auf dem Rasen durchaus eine gewisse Wichtigkeit besitzt. Klar, würde die Mannschaft jeden Spieltag eine Klatsche kriegen, nach ein paar Saisons wäre man in der Kreisklasse der jeweiligen Stadt angelangt und könnte von Derbys gegen ehemalige Rivalen nur noch in der Vergangenheitsform sprechen. Doch darum geht es mir auch nicht: Ich habe nur keine Ambitionen mehr, deutscher Meister oder Pokalsieger zu werden oder überhaupt auch nur in die Bundesliga aufzusteigen. Die Vorteile scheinen mir die Nachteile einfach in keinster Weise aufzuwiegen: Für ein paar schöne Momente, ein paar Feierlichkeiten, die ich genauso abhalten kann, wenn meine Szene auf den Raengen in einem Derby den Rivalen völlig dominiert hat, müssen viele Szenen massivste Einschränkungen hinnehmen, die einfach nicht ausreichen, um die vielen negativen Aspekte aufzuwiegen. Sportlicher Erfolg zieht eine unglaubliche Menge an oben erwähnten Menschen an, die die Fankurven bevölkern, ohne sich für den Wettbewerb zu interessieren, der zwischen den Kurven besteht. Diese Menschen, die bei Vereinen wie Werder Bremen, Bayern München oder Borussia Dortmund mittlerweile den wesentlich größeren Teil der Kurvengänger ausmachen, haben am Kampf der Kurven kein Interesse, sie verlassen das Stadion schon 15 Minuten vor Spielende, wenn ihnen der Kinofilm (in diesem Fall das Fussballspiel) nicht gefällt, weil der Wettbewerb zwischen den beiden Mannschaften das einzige ist, was sie interessiert. Für sie wurden neue Stadien gebaut, die man Arenen nennt und in denen kaum noch etwas an ein Fussballstadion erinnert, sie sind bereit, für die Eintrittskarte zu einem Fussballspiel drei- und sogar vierstellige Beträge zu bezahlen und sie schlucken jede noch so absurde Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit durch Polizei, Vereine und Ordnungsdienste, weil sie mit einer ganz anderen Einstellung zum Fussball gehen als ich und viele meiner Freunde. Wohin diese Entwicklung führt, kann jeder denkende Mensch sehen, wenn er seinen Blick nach England richtet (und dieses Thema wurde in diesem Heft und auch sonst wo oft genug angesprochen, als dass ich es hier noch mal erwähnen müsste) – wer ernsthaft glaubt, diese Entwicklung aufhalten zu können, der ist so verblendet oder aber so dumm, dass Argumente ihn wohl eh nicht mehr überzeugen können.

Stecken wir also den Kopf in den Sand? Vielleicht wäre der erste Schritt der, sich auf lange Sicht damit abzufinden, dass sich der Fussball in Deutschland verändert. In 10, vielleicht auch erst in 20 Jahren, wird die Tabelle der ersten Bundesliga wohl anders aussehen, als sie es jetzt tut. Aber ist das wirklich so schlimm? Ändert das etwas daran, dass wir auch weiterhin durch die Gegend fahren werden, um unsere Farben zu repräsentieren? Sollen wir deshalb aufhören, daran zu arbeiten, dass unsere Kurve irgendwann einmal die Beste, die Lauteste, die Kreativste wird? Auf diesem Weg kann und darf der sportliche Werdegang von 11 Menschen, die gerade von dem Verein, den wir lieben, als Arbeitnehmer beschäftigt werden, kein Kriterium fuer den Aufstieg oder Verfall einer Fanszene sein. Seine Emotionen an etwas zu verschwenden, worauf man keinen Einfluss hat, ist auf jeden Fall nur etwas für Masochisten – und ich bin definitiv keiner.