In den letzten Monaten erfreut sich Dietmar Hopp und „seine“ TSG Hoffenheim immer größeren Interesses: Nicht nur, dass über ihn und seine Verwicklungen in den Profifussball in allen möglichen Zeitungen auch Artikel finden ließen, er muss sich auch mit etlichen Kritikern herumschlagen. Man wirft ihm vor, nach dem Vorbild Abramovitch einen Club „nur mit Geld“ an die Spitze führen zu wollen. Besonders scharf werden die Töne in der letzten Zeit bei Ultras: Bei Spielen anderer Mannschaften gegen Hoffenheim werden Transparente mit Aussagen wie „Der Mob hasst Hopp“ entrollt, die Lautrer Fans schrieben ihm gar einen offenen Brief, in dem sie darlegen wollten, warum sie sein Engagement im Profifussball als falsch und verachtenswert empfinden.
Wo die Sprüche schärfer werden, werden meistens allerdings auch die Aussagen immer inhaltsloser – schließlich gibt es in einer Diskussion, wenn einem die treffenden Argumente ausgegangen sind, sowieso nur noch zwei Wege: Entweder, man gibt offen zu, dass die andere Seite vielleicht Recht haben könnte, oder man wird schlicht und ergreifend polemisch.

Zweiteres scheint mir in den Argumenten und Aussagen vieler Ultras und ihrer Sympathisanten immer häufiger aufzuscheinen, wenn es um die Thematik „moderner Fussball“ und all seine Auswirkungen geht. Eins der beliebtesten Argumente derjenigen, die sich „gegen den modernen Fussball“ aussprechen – und so steht es auf tausenden Aufklebern, Buttons und Doppelhaltern, die man in ganz Deutschland und halb Europa sehen kann – ist das von den Traditionsclubs, die das Zeitliche segnen beziehungsweise in der Bedeutungslosigkeit verschwinden und durch vermeintliche „Plastikmannschaften“, hinter denen angeblich das große Geld stehen soll, ersetzt werden. Wie vermutlich jeder habe auch ich schon mit den verschiedensten Leuten über dieses Thema diskutiert und bin dabei mittlerweile zu einer recht stark von dem, was man vielleicht den Konsens unter den meisten Ultras nennen könnte, abgewichen.
Interessant finde ich nämlich die Frage, was eigentlich ein Traditionsclub ist, wie man zu einem solchen wird und wodurch sich ein solcher Club eigentlich genau von einem Verein wie Hoffenheim unterscheidet. Hier scheint es verschiedene Argumente zu geben, die man zumindest mal diskutieren sollte, bevor man sie ungefragt übernimmt und auch nur denen nachplappert, die eine bestimmte Meinung vertreten. Gerade eine Kultur wie Ultra’, die sich auch das kritische Denken auf die Federn geschrieben hat, sollte hier einmal über ihre eigenen Standpunkte nachdenken und sich fragen, ob nicht vielleicht doch mit einem sehr vereinfachenden Weltbild an die Sache herangegangen wird.

Zunächst sollte man sich vom Mythos trennen, dass in Vereinen wie Hoffenheim, Chelsea oder dem VfL Wolfsburg ganz andere Mechanismen greifen würden als beim Bundesliga-Dino HSV, beim Stadtrivalen Sankt Pauli oder auch beim SSV Ulm von 1846. Alle diese Vereine sind in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität, in der wir uns nun mal befinden (ob wir das schlecht finden oder nicht, lassen wir hier mal dahingestellt..), vor allem mit einem beschäftigt, nämlich mit Geld verdienen. Und da tun sich dann auch Bayern München und ein Bezirksligist nicht sonderlich viel, denn letztlich haben ja eigentlich alle dasselbe Ziel: Erfolgreich sein, dadurch die Einnahmen erhöhen um neue Ausgaben zu tätigen und irgendwann die Nummer eins zu sein. Aber aus irgendeinem Grund scheint es zwar okay zu sein, wenn Club A von Firma X mit zig Millionen gesponsort wird – das macht die Firma nämlich natürlich nur deshalb, weil sie sich davon letzten Endes Profite oder ein besseres Image erwartet – nicht aber, wenn Dietmar Hopp oder irgendein anderer Privatmensch Geld in einen Verein investiert, um diesen an die Spitze zu führen. Doch wo genau liegt hier eigentlich der Unterschied? Bislang konnte man mir das noch nicht schlüssig erklären. Irgendwann scheinen die Argumente immer darauf hinaus zu laufen, dass das Engagement von Hopp nicht „echt“ sei, nicht authentisch, und ihm werden Mäzene wie Jean Löring von Fortuna Köln oder Claus Steilmann von Wattenscheid entgegen gestellt, die echte Anhänger des Vereins waren und bei denen der Fussball „Ehrensache“ war. Was aber die wenigsten zu wissen scheinen: Jean Löring änderte bereits in den 70er Jahren die Vereinsfarben seines Clubs zu rot-weiss (übrigens ja auch die Farben des Lokalrivalen..), weil man damit mehr Fanartikel verkaufen konnte.. als in Österreich neulich ein ähnlicher Vorfall geschah, schaute die ganze Fussballwelt entsetzt nach Salzburg und äußerte vielfältigen und lautstarken Protest. Und es war ja auch nicht Hoffenheim oder Wehen, die als erste Trikotwerbung durch die Gegend spazieren trugen, sondern der deutsche Meister von 1966, Eintracht Braunschweig. Auch mein Verein, ein heute ziemlich erfolgloser Traditionsclub aus dem Ruhrgebiet, stieg in den ersten Jahren vor allem deshalb aus der sportlichen Bedeutungslosigkeit auf, weil ein gewisser Georg Melches einiges aus seiner Privatschatulle dazu tat, wenn es mal wieder einen neuen Spieler zu kaufen gab oder das Stadion ausgebaut werden sollte. In den 90ern tauchte auch mal ein Herr Kölmel mit seiner Kinowelt auf und lieh zahlreichen Vereinen Unsummen von Geld, um sie mehr schlecht als recht über Wasser zu halten. Bei all diesen Dingen hört man unverständlicherweise keine Proteste, aber wenn Herr Hopp das Gleiche bei seinem Verein macht, ist der Aufschrei gross.

Gegen den Verein TSG Hoffenheim als solchen sind die Einwände mindestens ebenso heftig: Der Verein sei künstlich, sagen die Kritiker, habe keine „Tradition“, auf die man zurückblicken könnte. Und dann auch noch diese Geschichte mit der angedachten Fusion mehrerer Vereine aus der Region.. dabei reicht doch schon ein Blick in die allseits beliebte Wikipedia, um herauszufinden, das fast jeder Verein, der seit Jahren in der Bundesliga kickt, irgendwann einmal mit anderen fusioniert hat, um den Erfolg zu erhöhen – der Hamburger SV ist da eben so ein Beispiel wie Rot-Weiss Essen und viele andere. Auch hier scheint also nicht der Vorgang an sich, sondern einzig und allein der Zeitpunkt entscheidend zu sein. An sich ist nämlich gegen eine solche Praxis nichts einzuwenden, es kommt nur darauf an, wer es tut und wann er es tut. Und da sind die Fronten eben klar verteilt, wobei auch hier wieder Probleme auftauchen, denn wie wird man eigentlich zum Traditionsverein? Bayer Leverkusen feierte vor 4 Jahren sein hundertjaehriges Bestehen und trotzdem wird der Verein allgemein als „Pillenclub“ belaechelt, dessen Fanspektrum sich hauptsächlich aus Familien rekrutiert. Auf der anderen Rheinseite hingegen spielt der erste Fussball Club Köln, ein Traditionsverein reinsten Wassers, den es allerdings erst seit 1949 gibt. Der hat aber dafür mehr Fans und wurde irgendwann einmal deutscher Meister, also ist die Lage hier scheinbar anders. Comprende? Ich nicht so wirklich, muss ich gestehen..
Wie verhält sich das, wenn man dieser Denkweise doch noch ein bisschen folgt, eigentlich mit den Vereinen, die vor zig Jahren mal erfolgreich waren und heute gar nicht mehr existent sind oder vor 300 Zuschauern spielen? Der VfR Mannheim wurde zum Beispiel 1949 Deutscher Meister und heute kräht kein Hahn mehr nach ihnen, gleiches gilt für unzählige andere, hunderte an Vereinen, die in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind, weil in der Nachbarschaft ein anderer Verein von der Politik begünstigt wurde, einfach nur Glück hatte oder die besseren Investoren ans Land zog.

Ist es also vielleicht eher der Neid, den sich Dietmar Hopp einhandelt, als ehrliche Kritik? Wollen wir nicht alle einmal mit unserem Verein um Champions League oder DFB-Pokal spielen, Siege sehen und spannende Spiele? Wer träumt nicht davon, dass sein Verein irgendwann einmal das große Los zieht? Also gönnt man es den anderen auch nicht, muss es verdiente und unverdiente Meister geben, solche, die nur durch ihr Geld gewinnen wie der FC Bayern (so jedenfalls die weitverbreitete Meinung unter Fans..) und solche, die in den Herzen aller eigentlich den Titel verdient hätten. Das dabei irgendwann manche das Zeitliche segnen und sich für immer aus dem Titelkampf entscheiden und andere nachrücken, ist in jedem Bereich des Lebens normal und nichts Außergewöhnliches. Mit Niederlagen muss man lernen, umzugehen, und, machen wir uns mal nichts vor: Weder RWE noch Ulm wird jemals wieder in der Bundesliga spielen, auch nicht, wenn die Meister dort nicht mehr aus München und Bremen, sondern aus Wehen/Wiesbaden und Hoffenheim kommen. The times, they are a changing sang schon vor zig Jahren Bob Dylan, und so ganz unrecht hatte er damit nicht. Take it or leave it, but dont blame somebody else.