where the brain aint

im blauen brief, dem infoflyer der ultras gelsenkirchen, findet man in der aktuellen ausgabe einen ganz interessanten bericht eines uge-mitglieds mit serbischem migrationshintergrund. lassen wir die uge selbst sprechen:

Warum tragen Gelsenkirchener Jugendliche, die noch nie in einem türkischen, polnischen oder russischen
Stadion waren, die Trikots der Heimat ihrer Väter und Mütter? Mit diesem Thema befasst sich momentan
eine Kampagne der Schalker Faninitiative, die wir als Ultras Gelsenkirchen unterstützen, nicht zuletzt, weil in
unserer Gruppe unterschiedlichste Nationalitäten zusammengefunden haben.

der text ist – genau wie das restliche infozine - absolut lesenswert und interessant, aber die einleitung machte mich doch etwas stutzig. also ein wenig recherchiert und auf der seite der schalker faninitiative dann letztlich auf eine beschreibung des projekts gestossen, die doch ein wenig stutzig macht:

„Was ist Heimat?“ fragen wir anlässlich der 9. FARE-Aktionswoche. Auf einem eigens für diese Aktion gestalteten Plakat sind zwei Jugendliche vor der Kulisse des ehemaligen Bergwerks Consolidation zu sehen: Tolga, Sohn unseres türkischen Haus-und-Hof-Italieners Hassan, und Steven, der ja auch so manchem Fan-Laden-Besucher bekannt sein dürfte. Beide sind, wie die Überschrift deutlich macht, „Geboren in Gelsenkirchen“.

Gerade im Fußball lassen sich gesellschaftliche Einstellungen und Entwicklungen wie bei einem Seismographen ablesen. Schon an der Farbe der Fußballtrikots lässt sich zuweilen erkennen, ob und in welchem Umfang Integration gelungen ist, ob der Wohnort wirklich eine Heimat geworden ist. Wir wollen erfahren, was es noch zu verbessern gilt.

Dabei ist Galatasaray-Fan Tolga durchaus auch Schalke zugeneigt. Doch neben vielen anderen “ausländischen” Trikots fallen im Stadtbild vor allem die Trikots von Galatasaray, Fenerbahce, Trabzonspor und co. ins Auge. Wir wollen keineswegs den moralischen Zeigefinger erheben und darauf pochen, dass jeder Gelsenkirchener unbedingt und ausschließlich Schalke-Fan sein müsste, aber wir haben den Eindruck, dass sich beide Seiten über die Motivation, dieses oder jenes Trikot anzuziehen, weitgehend anschweigen.

da stellt man sich schon ein paar fragen: warum etwa laesst sich an der farbe eines fussballtrikots erkennen, wie „gut“ integration gelungen ist? dafuer braucht man ein ziemlich merkwuerdiges verstaendnis dieses begriffs. muss man sich wirklich ueber die „motivation, dieses oder jenes trikot anzuziehen“, gegenseitig informieren? warum muss man ueberhaupt mit begriffen wie heimat arbeiten? ist heimat nicht eher ein imaginativer zufluchtsort fuer all jene, die mit den erfordernissen und dem tempo der heutigen zeit nicht mehr mitkommen und die ein refugium suchen, einen ort, an dem die zeit still steht, wo sie sonst ueberall zu rasen scheint? ist es nicht vielleicht auch gar nicht so merkwuerdig, wenn in einer stadt mit 270,000 einwohnern und einem auslaenderanteil von 13,4% auch jugendliche mit „auslaendischen trikots“ im stadtbild „auffallen“? warum faellt man ueberhaupt auf, wenn man ein trikot von fenerbahce istanbul anzieht? und letztlich: waere es nicht vielleicht sinnvoller, sich mal zu hinterfragen, wie sinnvoll es ist, menschen auf ihre nationalitaet bzw geographische herkunft zu reduzieren?

uebrigens: wikipedia macht die unsinnigkeit der frage, was heimat ist, schon durch einen einzigen satz deutlich.

Wenn man versucht, das deutsche Wort Heimat in andere Sprachen zu übersetzen, gehen leicht von der sehr umfassenden Bedeutung wichtige Teile verloren.

und was haben andere schon vor mir gewusst? genau: worueber man nicht reden kann, darueber muss man schweigen.